Kommune Volzendorf 9

29485 Lemgow

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Solidarisch leben und arbeiten

Volzendorf hat an die 100 Einwohner. Von denen leben etwa 25 seit ein paar Jahren in zwei Kommunen. Christof zum Beispiel kam vor knapp drei Jahren mit seiner Familie aus Frankfurt, gemeinsam mit Freund*innen aus Köln und weiteren Mitstreiter*innen gründeten sie einen Verein und erwarben eine Hofstelle direkt neben der bestehenden ersten Kommune. Die Vorbesitzer hatten die Landwirtschaft schon viele Jahre aufgegeben und kauften sich ein kleineres Haus im Ort.
„Wir haben viel von anderen, auch hier im Wendland, gelernt“, berichtet Christof. So startete das noch sehr junge Projekt erfolgreich: Ein verbindendes Ziel war das gute Landleben auf hohem sozialen und solidarischen Niveau, erstes Mittel die Gründung einer „Solidarischen Landwirtschaft“(Solawi) direkt zu Beginn. Der Hof bot sich an, er besteht aus einem großen, voll ausgebauten Haupthaus, das gemeinschaftlich bewohnt wird und zahlreichen Nebengebäuden wie Scheunen und Schuppen. Außerdem ist das Grundstück groß genug, um den Wohn- und Rückzugsraum um Wägen zu ergänzen. Für den geplanten Gemüseanbau konnten u.a. von einem Landwirt des Dorfes vier Hektar landwirtschaftliche Fläche gepachtet werden, der Vision einer solidarischen Landwirtschaft stand nichts mehr im Wege. Nach nur wenigen Jahren wird heute für fast 80Anteile in bester Bioqualität produziert. Ein alter Steinbackofen wurde wieder in Betrieb genommen, seitdem ergänzt ein Bäcker*innenteam jeden Montag das Gemüse- und Obstangebot mit Brot.

„Krass viel Gemeinschaft“

Zur Zeit leben hier 10 Erwachsene und vier Kinder, darunter auch Familien. Es gibt viele Zimmer im Haus, aber keine abgeschlossene Wohnung. „Der Klein-Familienanteil endet oft beim Frühstück“, schmunzelt Christof. In der Küche im Erdgeschoss ist immer Bewegung, wer hier lebt, der muss sich auf Menschen einlassen können und viel Kontakt und Kommunikation wollen.
„Wir finden nicht für alles Lösungen, aber wir setzen uns mit vielen Herausforderungen auseinander“, sagt Christof. Das hat bei so vielen Menschen, die alle „eng miteinander“ sind natürlich auch den Effekt, dass es manchmal „am Ende doch nicht so ist, wie man selber es sich am Anfang gedacht hat“. Man befände sich ständig „zwischen Spaß und Frust“, zwischen hohem politisch-ideellem Anspruch und der Realität. Ein Beispiel: Zehn Leute teilen sich zwei Autos. Aber auch an den täglichen Arbeiten wird das deutlich, Haus und Garten müssen in Schuss gehalten werden, jeden Tag wird für alle gekocht. Geputzt wird nach Plan. Und natürlich muss Feuerholz gemacht und sich um den Gemüseanbau gekümmert werden.
Selbsteinschätzung ist in der Kommune die Grundlage für das Handeln in der Gemeinschaft. Jeder bringt soviel ein, wie er kann und will, dabei muss jede/r für sich selbst herausfinden, wo die eigenen Grenzen sind. „Wir befinden uns von Beginn an in einem andauernden Lernprozess“, sagt Christof. Auch wenn man bei so vielen Menschen nicht alles mitbekommt, weiß man doch immer, wie es allen grundsätzlich geht. „Ich wohne hier mittlerweile mit Freunden zusammen, mit Menschen, einer Gruppe, die wir selber gestalten“, sagt Christof, mit 37 Jahren einer der ältesten. Es sei zwar alles „etwas punkig“ und werde bestimmt kein „Schöner-Wohnen“ werden. Grundsätzlich habe sich nach drei Jahren schon viel entwickelt, wobei ebensoviel an neuen Schwierigkeiten aufgetaucht ist.

„Wir versuchen nicht nur das Finanzielle, sondern auch das Soziale zusammen zu denken“

Dank der guten Vernetzung im Wendland bekommt die Kommune viel Unterstützung von außen, sei es durch kommunen-übergreifende Arbeitseinsätze oder den „freien Fluss“, bei dem Geld praktisch abgeschafft wurde und Waren oder Dienstleistungen nicht getauscht werden, sondern fließen sollen. Durch die gemeinschaftliche Nutzung sind die Lebenshaltungskosten selbst für den ländlichen Raum gering.
Zum einen bezahlt jede*r eine Miete an den Verein, gleichzeitig sind die Kommunebewohner*innen aber nicht individuell für ihr Geld verantwortlich. Während finanzielle Entscheidungen im kleineren Rahmen jede/m selbst überlassen sind, müssen größere Anschaffungen wie zum Beispiel kürzlich ein Elektro-Lastenfahrrad mit allen besprochen werden. Mittel der Wahl dazu ist meistens das wöchentliche Plenum. Zeitweise wurde es noch durch eine organisatorische „Morgenrunde“ ergänzt. Darüber hinaus ist man einmal im Monat zu einem „Gruppentag“ verabredet, an dem politische und soziale Fragestellungen thematisiert werden. Richtig viel Zeit nimmt die Gruppe sich für sich selbst an einem Wochenende im Jahr, dann fahren alle in ein Tagungshaus für einen „Jahresabschluss“.
„Wir versuchen nicht nur das Finanzielle, sondern auch das Soziale zusammen zu denken“, resümiert Christof. Fürs Finanzielle sind unter anderem die Einkünfte über die Solawi-Anteile verantwortlich. Darüber hinaus kümmern sich alle auf verschiedenen Wegen darum, dass die Kommune ausreichende und planbare Einnahmen hat.
Schön ist, dass immer wieder neue Menschen nach Volzendorf kommen, um das Kommuneleben zu probieren. Dafür ist ein Probewohnen vorgesehen. Einerseits ist es ermutigend zu sehen, dass es immer wieder Menschen interessiert, diese Alternative zu leben. Andererseits bedeutet diese Dynamik in der noch relativ jungen Gruppe, die mit der Solawi gegenüber ihren Mitgliedern in Verantwortung steht, dass sie sich immer wieder neu finden muss. Dabei wurde in der Vergangenheit auch schon auf fachlichen Beistand wie Moderation zurückgegriffen.

Für die Zukunft gibt es auch die Idee, die bereits bestehenende Landbaukooperative im Lemgow für die Solawi-Mitglieder verbindlicher und durchsichtiger auszubauen, mit einem Mehrwert für das Angebot und einer Erweiterung des Netzwerkes. Vielleicht gibt es irgendwann auch einen Lieferservice für die Bäckerei? Das gemeinsam gekaufte Lastenrad könnte Wegbereiter sein, in ihm fahren zur Zeit nicht nur die Kinder in den Kindergarten, sondern auch die Gemüsekisten vom Acker zum Abholraum auf dem Hof. Die Standard-Brotkisten sind aber 3cm zu breit für die Ladefläche… Doch dafür wird sich vielleicht noch eine Lösung finden?!

Text und Fotos: Kina und Jan Becker