Hofgemeinschaft Klein Witzeetze 9

29482 Klein Witzeetze

Hofgemeinschaft Klein Witzeetze 9 – Haus

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Seit über 40 Jahren eine „verbindliche Nachbarschaft“

Wir reisen zurück in die 70er Jahre: Zehn Freunde aus Berlin mieteten sich für 170 DM im Monat ein Haus in Laase und verbrachten dort Wochenenden und vorlesungsfreie Zeit. Der Weg ins Wendland war weit, damals verlief die Grenze zwischen der BRD und der DDR entlang der Elbe. Mit der Bahn ging es von Berlin über Büchen nach Lüneburg, von dort mit dem Bus in den Landkreis – „man war schon entschleunigt, wenn man dann irgendwann mal angekommen war“, erinnern sich die Familien Harlan und Bauhaus/Kümmel. Die Liebe zum Land erfasste sie, vor allem der Kinder wegen. 1976 wurde deshalb ein Haus in Klein Witzeetze gekauft, ein Vierständer aus dem Jahre 1850.
Die damalige Entscheidung für das Wendland war keine politische. Gorleben war damals offiziell noch kein Thema. „Wir sind hier erst zu Atomkraftgegner*innen geworden“, erinnert man sich. Schon früh haben sich alle an den Protesten gegen die Tiefbohrungen beteiligt. Auf dem Treck nach Hannover 1979 fuhren sie geschlossen mit und engagierten sich später in der Bürgerinitiative Umweltschutz im Kampf gegen Castoren und Atommülllager. Wären allerdings die Pläne für eine Wiederaufarbeitungsanlage nicht verhindert worden, dann hätten sie den Landkreis wahrscheinlich wieder verlassen.

„Das war nicht als Projekt geplant, es hat sich irgendwie ergeben.“

Die Ausstattung des Hauses in Klein Witzeetze war einfach. Wenn man an einem Freitag im Winter aus der Stadt kam, war das Haus ausgekühlt. Deshalb „nahmen wir Findlinge mit ins Bett, die vorher auf dem Ofen aufgewärmt wurden. Die halbe Nacht wärmte der Stein uns, die andere Hälfte wärmten wir den Stein“. Sieben Personen beteiligten sich damals am Hauskauf. An den Wochenenden und in den Ferien wurde es ein Kommen und Gehen in den schon vorhandenen Wohnräumen. „Ich wollte nicht die Nachmittage auf städtischen Spielplätzen verbringen“, erinnert sich Elisabeth Harlan, die als erste von allen auf dem Land blieb. „Hier konnten die Kinder frei spielen.“ Mit dem Haus erfüllten sie sich auch einen Jugendtraum. Ihr Mann Caspar war damals als Regisseur tätig, seine Drehbücher wurden künftig im Wendland geschrieben – häufig gemeinsam mit Peter. Die heutigen Nachbarn Regina Kümmel und Peter Bauhaus fanden Anfangs keinen Platz in dem Bauernhaus und zogen zunächst für etwa 10 Jahre nach Soven. Um Wohnraum zu schaffen, bauten Regina und Peter sich dann den an das Haus angrenzenden Schweinestall aus. In Berliner WG-Zeiten hatten die vier sich gut kennengelernt – und festgestellt, dass eigene vier Wände Sinn machen. Im Laufe der Jahre sind dann einige Miteigentümer*innen aus dem Projekt ausgestiegen und mussten ausgezahlt werden. Finanziell ein Kraftakt. Geblieben sind die Familien Bauhaus/Kümmel und Harlan – in den ersten Jahren mit ihren zwei bzw. drei Kindern, nach deren Auszug noch zu viert.

Zwischen ihnen gibt es keine Verträge, in denen das Eigentum eines jeden einzelnen eingegrenzt wird. Im Grundbuch ist verankert, dass jedem ein „ideelles Viertel“ vom ganzen Hof gehört. Die Kredite wurden gemeinsam abgezahlt, wobei „nie alles konkret auseinandergenommen wurde“. Allein die Heizung besitzt getrennte Wärmezähler. Die Basis ist Vertrauen und das Wissen, „dass man sich nicht gegenseitig hängen lässt“. Die Voraussetzung für so ein Projekt: Man sollte sich gut kennen. Die Aussage „für mich seid ihr wie Familie“ wundert da nicht.

„Ich wohne hier so lange, wie noch nie an einem anderen Ort“, sagt Regina, die mal als typisches Stadtkind aufgewachsen ist. “Ich will hier nie wieder weg“, bekräftigt Elisabeth. „Wir sind richtig glücklich hier.“

Man sei wahrscheinlich „mit einer Portion Blauäugigkeit“ in das Projekt gestartet, sind sich die Bewohner*innen einig. Heute würde man sich möglicherweise für eine andere Rechtsform entscheiden. Die künftigen Erben stehen nämlich vor einer Herausforderung: Dieser Hof lässt sich praktisch nicht aufteilen, dafür müsse man ihn wohl verkaufen. Doch bereuen will niemand den Weg, den man bisher gemeinsam gegangen ist: „Ganz sicher nicht!“ Als damals die Kinder noch klein waren, wuchsen sie auf wie Geschwister. Ein angrenzendes Grundstück wurde dazu erworben, es gab mal Pferde, Enten, Kaninchen, Hühner, Schafe oder Schweine. „Wir haben alles ausprobiert“, ein großer Garten versorgte eine zeitlang die Mitbewohner*innen.

Im Sommer ist der Innenhof das „gemeinsame Wohnzimmer“. Im Winter kommen der persönliche Austausch oder gemeinsame Aktivitäten oft etwas zu kurz. Trotz der räumlichen Nähe sitze man sich „nicht auf der Pelle“, pflegt aber eine enge Nachbarschaft. Dazu gehört die gelegentliche Einladung zum Essen genauso wie der spontan gebackene Kuchen für alle. Man ist sich einig: ein großer Garten, Haustiere und Pflanzen – das ließe sich ohne ein nachbarschaftliches Wohnen gar nicht realisieren. Aufgaben, die ein solcher Hof mit sich bringt, sind nach Interessensgebieten aufgeteilt. Zum Bedauern von allen finden aber z. B. Absprachen bei Stadtfahrten oder Einkäufen leider viel zu selten statt. Überhaupt sehe man sich im Gegensatz zu früher jetzt seltener. Alle vier sind viel beschäftigt, mit den Enkelkindern, mit Deutschunterricht für Migrant*innen, im Hospizverein oder mit Theaterspielen. Bis auf Regina stammen alle Bewohner*innen aus dem Theater- und Filmbereich. Sie bewegen viel mit ihrem Engagement im Kulturverein Platenlaase und waren Mitbegründer*innen der „Freien Bühne Wendland“. Es wundert daher nicht, dass viele Wendländer*innen und Gäste des Landkreises den Hof als Theaterbühne während der Kulturellen Landpartie kennen. Die KLP ist allerdings allein Harlans Baustelle. Nicht nur dafür braucht es von den direkten Nachbarn natürlich eine ordentliche Portion Toleranz.

Und die Zukunft? „Die plant sich von alleine“, lachen alle. Es gab mal die Idee, im hinteren Teil des Gartens ein kleines Haus als Altenteil zu bauen und die beiden Haupthäuser günstig an junge Leute zu vermieten. Vielleicht findet sich dafür ja mal jemand…

Text und Fotos: Kina und Jan Becker

Gemeinschaftliches Leben im Wendland bedeutet für mich….

…dass ich mir jederzeit aus Nachbars Küche holen kann, was ich brauche.

…Gemeinsamkeiten im Alltäglichen finden, z.B. bei kleinen Reparaturen, bei Problemen mit dem Computer, beim Kinobesuch oder auch beim Unkrautzupfen.

Peter Bauhaus, Regina Kümmel