Interkulturelles Generationendorf Hitzacker

29456 Hitzacker

Hitzacker Dorf

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Ein Ort, der sich auf drängende gesellschaftliche Fragen einlässt.

Für Familien, fürs Älterwerden, für Zugereiste wie für Geflüchtete. Ökologisch, sozial, basisdemokratisch entwickelt in der Struktur der Genossenschaft.

Als sich 2015/16 zahlreiche Menschen unter dem Motto „ZuFlucht Wendland“ den Herausforderungen der Integration von Geflüchteten stellten, wurde eine große Idee geboren. Das „Europa von Morgen werde so lebenswert und liebenswert sein, wie wir es zusammen machen“, propagierten die Initiator*innen des „Interkulturelles Generationendorf“. In Hitzacker solle ein „grenzenloses Dorf“ für 300 Menschen entstehen, zu je einem Drittel sollen Familien, ältere Menschen und Geflüchtete dort leben und arbeiten. Ein Modell des friedlichen Zusammenlebens der Kulturen und Generationen im ländlichen Raum, ein Modell für das neue Europa der vielfältigsten Kulturen solle geschaffen werden. Die Vision fand sehr schnell viele Unterstützer*innen. Euphorisch startete die Planungsphase, Verhandlungen mit Grundstückseigentümer*innen wurden aufgenommen, die Gründung einer Genossenschaft auf den Weg gebracht.

Es liegt an uns, gemeinsam Räume für die praktische interkulturelle und demokratische Gesellschaftsentwicklung zu schaffen.

Hitzacker ist attraktiv, landschaftlich schön, der Bahnhof ist nah, die Freie Schule für viele Familien eine Perspektive, Einkaufsmöglichkeiten in fussläufiger Entfernung erreichbar. Gründe mehr, weshalb die Genossenschaft heute über 160 Mitglieder zählt. Neben vielen Wendländer*innen traten Menschen aus Hamburg, Berlin, Hannover oder von noch weiter her bei. Sie treffen sich zu regelmäßigen Plena oder Arbeitsgruppen im Kulturbahnhof Hitzacker und diskutieren gemeinsam ihre Zukunft. Dabei ist die Rechtsform der Genossenschaft die, „in der Basisdemokratie am besten gelebt werden kann – ohne uns zu verbiegen“, berichtet Rita Lassen. Schließlich habe jede*r nur eine Stimme, egal wie hoch die Summe ist, die in das Projekt eingelegt wurde. Jede und jeder kann sich an dem Projekt beteiligen, unter bestimmten Bedingungen aber auch wieder aussteigen.

Rita engagiert sich im Vorstand. Nachdem sie in ihrem Leben bereits den Bau von Windkraftanlagen ermöglichte, die „Kirche der Stille“ und ein Frauenbildungszentrum mitinitiierte, hat sie sich mit ihrer Partnerin für ein Leben im Alter im Hitzacker-Dorf entschieden. Sie will damit „ein anderes Stück Gesellschaft schaffen“. Bis das Haus gebaut ist, in das beide einziehen wollen, pendeln sie zwischen ihrer Interims-Bleibe in Hitzacker und ihrer Wohnung in Hamburg. „Der Sommer im Wendland ist wunderschön“, schwärmt Rita, „aber wahrscheinlich sind wir im Winter wieder mehr in der Stadt.“

Damit Basisdemokratie praktisch funktioniert, ist eine Art „Hierarchie“ entstanden: In Arbeitsgruppen werden Ideen entwickelt, die dann in einem geschäftsführenden Plenum von 20-25 Leuten weiter diskutiert werden. Sind sie von größerer Tragweite, werden sie im Großplenum von 60-80 Genoss*innen beraten, dann in der Generalversammlung abgestimmt. Der Vorstand übernimmt die formale Verantwortung, die Beschlüsse tragen alle Genoss*innen mit. Wegen der hohen bürokratischen Hürden und dem damit verbundenem Aufwand eignet sich die Gründung einer Genossenschaft vor allem für größere Projekte.

Während etwa 150 Wochenstunden ehrenamtliche Arbeit in die Entwicklung der vielen Teilbereiche des künftigen Dorfes gesteckt wurden, warf eine Auseinandersetzung mit einem Nachbarbetrieb das Projekt zurück. Für 4-5 Monate war unklar, ob eine Baugenehmigung erteilt wird. „Doch in jeder Krise stecken Chancen“, schmunzelt Rita. In dieser „richtig anstrengenden Zeit“ haben sich Entscheidungen einzelner für das Projekt gefestigt – während andere Abstand nahmen. Wichtig war auch, dass seitdem sowohl die Baubehörde als auch die Stadt Hitzacker dem Projekt den Rücken stärken. Am Problem “Lärm” wird noch gearbeitet. Heute existiert eine Gruppe von „richtig guten Leute, die Verantwortung übernehmen wollen“. Nach dem Erhalt der Baugenehmigung für die ersten zwei Häuser Mitte Januar 2018 und der Unterzeichnung von Verträgen mit der Bank konnte die Bauphase endlich starten. Wobei Fachleute anmerken, dass diese Planungszeit für so ein großes Bauprojekt eigentlich sehr kurz war…

Wir machen das alles selber!

Viele Kompetenzen sind vorhanden, Fachleute unterstützen für spezielle Gebiete. Das meiste aber wird „selbst entwickelt und selbst gebaut“. Laien werden im ökologischen Bauen mit vielen Naturmaterialien angeleitet – und so mauern sich die künftigen Bewohner*innen ihre Wände aus Lehmsteinen großteils selbst. Dadurch dauern die Prozesse natürlich länger, gemeinsam die eigenen Häuser zu bauen stärkt aber die Gemeinschaftsbildung enorm. Das gesamte Projekt bleibt aber auch ein Lehrstück: „Wir bauen Haus 4 und danach werten wir aus.“ Dann muss analysiert werden, ob die veranschlagte Eigenleistung beim Bau und in der Planungsphase pro Person ausreichen. Auch ist noch nicht klar, wie künftige Bewohner*innen in das Projekt integriert werden können, damit es für alle fair bleibt.

Grundsätzlich solle „jede*r in diesem Dorf wohnen können, wenn er und wir das Gefühl haben, dass es passt“, berichtet Rita. 40 Wohnungen entstehen in Bauabschnitt 1, der „Dorfstraße“. Die meisten sind bereits fest vergeben, doch es gibt noch Platz für Menschen, die kurzfristig in das Projekt einsteigen wollen. Geplant ist im Anschluß der Bau von 70 weiteren Wohnungen im zweiten Abschnitt „Südhang“. Die Größe der Genossenschaftseinlagen sind gestaffelt, für eine 46qm Wohnung sollen 18.000 Euro eingelegt werden. Miete und Nebenkosten können dank guter Dämmung und günstiger Bauweise so gering ausfallen, dass nötigenfalls Sozialamt und Jobcenter zahlen würden.

Vielleicht haben wir uns damals etwas anderes vorgestellt, als das, was es geworden ist.

Als die vielleicht größte Herausforderung gestaltet sich das ideelle Ziel, für ein Drittel der Wohnungen Bewohner*innen mit Migrationshintergrund zu gewinnen. Um die finanziellen Einstiegshürden zu überwinden, wurde ein „Solidarfonds“ eingerichtet. Doch manchmal fehlt es an Verbindlichkeit und offenbar kommt das Dorf für einige auch zu spät, die sich in den vergangenen Jahren bereits ihr eigenes Umfeld aufgebaut haben. Man wolle an diesem Ziel aber festhalten, sind sich die künftigen Bewohner*innen einig. Man könne so viel voneinander lernen, neue Kulturkreise erschließen.

So soll eine „solidarische Nachbarschaft“ entstehen, nicht zu verwechseln mit einer „Lebensgemeinschaft“. „Wir müssen uns nicht lieben“, erzählt Rita. Vielmehr wird die Toleranz herausgefordert, seinen Nachbarn zu nehmen, wie er ist. So wird das Dorf auch zu einem Ort der Reflexion für jeden einzelnen.

Ältere gibt es zur Zeit viele, die mit dem Dorfprojekt einen Ort gefunden haben um „im Alter nicht allein zu sein“ und von einer Institution unabhängig zu leben. In der Planungsphase helfen sie mit Sachverstand, Zeit und Geld. In der Bauphase kommen viele allerdings an die Grenzen ihrer Kräfte. „Es bräuchte noch mehr Familien, vielleicht mit Kindern, die auch schon mit anpacken können“, schmunzelt Rita.

In den nächsten sechs bis acht Jahren werden die Genoss*innen in jedem Fall noch gut beschäftigt sein. So lange wird es nach derzeitigen Einschätzungen brauchen, bis alle Häuser fertig gestellt, essbare Gärten angelegt, ein Gesundheitshaus und Raum für Gewerbebetriebe gebaut sind. Herausforderungen bleiben dann genug. In einer so großen Gruppe entstehen immer wieder neue Ideen oder Veränderungen. Dabei ist eines sicher: Das Hitzacker Dorf wird vor Vielfalt und Leben sprühen – und ein neuer Ort der Begegnung für viele Wendländer*innen werden.

Text und Fotos: Kina und Jan Becker

Gemeinschaftliches Leben im Wendland bedeutet für mich:

 

… jetzt schon “nach Hause kommen”, wenn ich auf den Bauplatz zu den Menschen komme, die da sind.

… Partne*rinnen zu haben, um zu ergründen was ein gutes Leben ausmacht.

… neue Formen des Umgangs zu lernen und uns auf ein interkulturelles Abenteuer einzulassen.

… uns und unseren Kindern ein nachhaltiges, gemeinschaftliches, tolerantes, respektvolles und produktives Leben zu geben.

(Mitglieder von Hitzacker/Dorf)